Die Super-Cropping-Technik beim Marihuana-Anbau
Inhaltsverzeichnis
- Was Supercropping bewirkt und warum es funktioniert
- Wann man Super Cropping anwenden sollte
- Welche Äste man auswählen sollte
- Super Cropping Schritt für Schritt
- Was danach zu erwarten ist
- Pflege nach der Technik
- Fehler bei der Anwendung von Supercropping und wie man sie vermeidet
- Super Cropping vs. andere Techniken
- Wann es sich lohnt (und wann nicht)
- Genutzte Quellen
Die Super-Cropping-Technik (auch „Super Crop“ genannt, im Rahmen des High Stress Training oder HST) besteht darin, einen Ast kontrolliert zu quetschen und zu biegen, um seine inneren Gewebe teilweise zu „unterbrechen“, ohne ihn dabei zu brechen. Ziel ist es nicht, die Pflanze um des Schadens willen zu verletzen, sondern die Struktur der Pflanze zu verbessern, um ein gleichmäßigeres Blätterdach (Canopy), eine bessere Lichtverteilung und Äste zu erhalten, die schwere Blüten besser tragen können.

Was Supercropping bewirkt und warum es funktioniert
Wenn du einen Ast über den Knickpunkt hinaus biegst (ohne die Rinde zu reißen), aktiviert die Pflanze eine Reparaturreaktion: Sie verstärkt den „Knoten“ (Kallus), verteilt das Wachstum stärker auf Seitentriebe und stabilisiert dadurch ihre Struktur. In der Praxis bedeutet das weniger apikale Dominanz, bessere Höhenkontrolle und ein flacheres, gleichmäßigeres Canopy – entscheidend im Indoor-Anbau, wenn das Licht begrenzt ist und von oben kommt.
Die physiologische Erklärung passt zu dem, was man über Reaktionen auf mechanische Reize bei Pflanzen weiß (Thigmomorphogenese): Biegereize oder leichte Verletzungen können Wachstumsmuster verändern und Gewebe durch hormonelle und abwehrbezogene Signale stärken. Beim Cannabis nutzt der Grower dieses Prinzip gezielt, um eine produktivere Struktur zu erhalten, ohne schneiden zu müssen.

Wann man Super Cropping anwenden sollte
Der sicherste Zeitpunkt ist meist die vegetative Phase oder höchstens der Beginn der Blüte (wenn noch genügend Zeit zur Erholung bleibt).
In der fortgeschrittenen Blüte steigt das Risiko: Die Äste sind steifer, die Bruchgefahr ist höher und die Erholung dauert länger – was sich auf den Ertrag auswirken kann. Anbau-Guides, die auf HST ausgerichtet sind, sind sich einig, dass die Pflanze vor High-Stress-Techniken kräftig und ohne vorherigen Stress sein sollte.
Diese Technik eignet sich besonders gut für Sativas mit langer Blütezeit.
Welche Äste man auswählen sollte
Supercropping wird vor allem verwendet, um dominante Spitzen zu kontrollieren, die stark nach oben schießen und die Gleichmäßigkeit des Canopys stören.
Es kann auch eingesetzt werden, um die Pflanze „zu öffnen“ und Lichtdurchdringung sowie Belüftung in inneren Bereichen zu verbessern – und so Mikroklimata zu reduzieren, die Schimmel begünstigen. Die Idee ist, die Architektur zu korrigieren, nicht „einfach alles zu trainieren“.
Super Cropping Schritt für Schritt
1) Den Punkt wählen. Suche dir einen Bereich am Stiel des Astes, der noch flexibel ist. Gut eignet sich oft ein Abschnitt auf mittlerer Höhe des Haupttriebs oder eines sehr dominanten Seitentriebs. Oberhalb sollte genug Struktur und Blattmasse bleiben, damit die Pflanze weiter photosynthetisieren kann.
2) Das Gewebe weich machen. Mit den Fingern (Daumen und Zeigefinger) den Stiel sanft „rollen“ und dabei einige Sekunden lang allmählich Druck ausüben. Ziel ist, dass das Innere nachgibt und formbar wird, ohne die äußere Haut zu beschädigen.
3) Biegen und positionieren. Sobald der Bereich weich ist, den Ast langsam biegen, bis die Spitze waagerechter steht oder auf Höhe des Canopys liegt. Wenn es richtig gemacht ist, hängt der Ast nach unten, ist aber nicht getrennt.
4) Bei Bedarf fixieren. Wenn der Ast instabil ist oder die Gefahr besteht, dass er durch Spannung wieder nach oben zieht, fixiere ihn mit einer weichen Bindung oder einem Stützstab. Das ist kein „reines LST“, hilft aber, den Winkel während der Erholung zu halten.

Was danach zu erwarten ist
Innerhalb von 24–72 Stunden zeigen viele Pflanzen eine Neuausrichtung der Spitze in Richtung Licht, während sich der „Knoten“ verstärkt. Diese Verdickung (Kallusbildung) ist das typische Zeichen der Reparatur.
Wenn die Pflanze gesund war, erfolgt die Erholung meist schnell und das Canopy wird gleichmäßiger.

Pflege nach der Technik
Nach dem Supercropping sollte man vermeiden, am selben Tag noch mehr Stress „oben drauf“ zu packen: besser keine Umtopfaktionen, starken Rückschnitte oder aggressive Änderungen bei der Düngung.
Wichtig sind korrektes Gießen und ein stabiles Klima, außerdem sollte man darauf achten, dass keine offenen Wunden vorhanden sind. Bei High-Stress-Techniken reduzieren Hygiene und eine saubere Umgebung das Risiko opportunistischer Infektionen.
Fehler bei der Anwendung von Supercropping und wie man sie vermeidet
Der häufigste Fehler ist, zu stark zu drücken und den Ast zu brechen. Passiert das, kann man ihn schienen und fixieren, um die Gewebebrücke zu fördern – aber das Ziel des Supercropping ist es gerade, diese Bruchstelle zu vermeiden.
Ein weiterer möglicher Fehler ist die Anwendung an bereits gestressten Pflanzen (starke Mängel, zu hohe EC-Werte, Schädlinge, Kälte, Hitze), denn dann ist die Erholung deutlich schwieriger.
Super Cropping vs. andere Techniken
Supercropping unterscheidet sich vom Toppen oder der apikalen Beschneidung dadurch, dass es die Spitze nicht entfernt: Es verändert Wuchsrichtung und Wachstumreaktion durch einen mechanischen Reiz.
Es unterscheidet sich auch vom klassischen LST (Low Stress Training), da hier ein Element von hohem Stress und Gewebereparatur hinzukommt. Viele Guides empfehlen, zuerst LST zu beherrschen und dann auf HST (High Stress Training) umzusteigen, wenn man ein aggressiveres Canopy-Management anstrebt.
Wann es sich lohnt (und wann nicht)
Supercropping ist besonders sinnvoll, wenn du im Indoor-Grow das Canopy nivellieren musst, sehr wüchsige Phänotypen bändigen willst oder Äste verstärken möchtest, die schwere Blüten tragen werden.
Es ist nicht in jedem Grow notwendig: Wenn du bereits ein gleichmäßiges Canopy durch LST, Netze wie SCROG (Screen of green) oder einen gut geplanten Schnitt erreichst, bringt es möglicherweise wenig und erhöht nur das Risiko. Die Technik ist ein Werkzeug, keine Pflicht.
Genutzte Quellen
- Ed Rosenthal erklärt Supercropping als Training dominanter Äste, um die Lichtausbeute und die Größe der Blüten zu verbessern.
- Journal of Experimental Botany und verwandte Übersichtsarbeiten beschreiben die Reaktion von Pflanzen auf mechanische Reize (Thigmomorphogenese) und deren Zusammenhang mit Hormonen und strukturellen Veränderungen.
- Frontiers in Plant Science beleuchtet Konzepte der apikalen Dominanz und die Rolle von Auxin bei der Hemmung/Aktivierung seitlicher Triebe – eine physiologische Grundlage, um zu verstehen, warum die Umverteilung des Wachstums die Architektur verändert.